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Roswitha Ebel beim Ironman Hamburg

Mit einem Jahr Verspätung konnte ich auch endlich den Spruch hören: You are an Ironman. Eigentlich war meine erste Langdistanz bereits für das vergangene Jahr in Hamburg geplant. Mein Plan für meinen runden Geburtstag. Schon etwas verrückt, mit 60 Jahren einen Ironman anzugehen. Nee, nicht verrückt - verhaltensoriginell. Aber 2 längere Krankheiten verhinderten ein kontinuierliches Training, so dass ich meinen Startplatz (Dank der Frühbucher-Option) in dieses Jahr schieben konnte. Allerdings wäre mir das Wetter vom letzten Jahr lieber gewesen. 

Der Blick am 2. Juni 24 morgens 4:30 Uhr aus dem Fenster: grau und bereits da schon sehr windig. Das bereitete mir ein wenig Sorgen, weil ich aus der Vergangenheit beim World Triathlon auf der Olympischen Distanz in der Außenalster schon einmal heftigen Wellengang erlebt hatte. Nun ja, nicht zu ändern. Die Temperaturen waren morgens auch nicht gerade erwärmend. Aber lt. Wetterbericht sollte sich am Nachmittag - eigentlich - die Sonne zeigen (tat sie nicht) und die Temperaturen auf 21 Grad klettern (taten sie nicht).

In der Wechselzone Rad checken, Flaschen und Verpflegung anbringen, Neo anziehen und dann ging es schon Richtung Schwimmstart. Wenigstens die Wassertemperaturen waren lt. Sprecher mit 18,9 Grad ganz okay, nicht unbedingt meine Wohlfühltemperatur, aber es war bei einigen Wettkämpfen schon deutlich kälter. Ab 6:30 Uhr Start der AgeGrouper, Rolling Start, alle 5 sec gingen 2 Athleten ins Wasser. Ich war ca. 7:10 Uhr dann auch im Wasser. Endlich. Lange Trainingsmonate, viel Energie und Freizeit in das Training investiert, und immer die Frage: kann ich es? Schaff ich es? Immer Sorge und Angst, bloß keine Krankheit, Unfall oder sonstwas, was zur Trainingsunterbrechung führt und den Start gefährdet. Aber mit dem ersten Schwimmzug waren die Grübeleien und Sorgen endlich hinter mir. Ich war im Rennen, jetzt musste ich es "nur" ins Ziel schaffen. Ich habe sogleich meinen Rhythmus gefunden, konnte von Anfang an ruhig kraulen, keine Hektik, kein Gedrängel, einfach schwimmen. Wie weit sich die Linie der Bojen bis weit in die Außenalster erstreckte - ich wollte es gar nicht sehen. Ich bin die Distanz im Training oft geschwommen (und natürlich auch mehr) und wusste, das kann ich. Das Wasser war kalt, aber nicht so kalt, dass es mir Probleme machte. Den Wellengang empfand ich nicht als so schlimm. Endlich die erste Wendeboje, dann die Zweite und dann ging es zurück Richtung Rathausmarkt. Nach 1:25 h kam ich aus dem Wasser, sehr zufrieden. Lauf in die "längste Wechselzone" der Welt, in Ruhe umziehen. Da es sehr kühl war, hab ich mich entschieden, eine dünne Windjacke überzuziehen (hab ich nicht bereut). Leider hatte ich meine Uhr am Abend zuvor ausversehen falsch eingestellt, hab die Wechsel rausgenommen und als ich auf das Rad stieg, zeigte meine Uhr bereits Laufen an. Also alles gestoppt und jedes Sportart von da an einzeln getrackt. War blöd, weil mir nun die Gesamtzeit fehlte, aber nicht mehr zu ändern. Erstmal die erste Radrunde bewältigen, die ersten km Richtung Reeperbahn mit Gegenwind und leicht bergan, aber nach der Wende, Rückenwind und bergab, dann ging es am Bahnhof vorbei, durch Baustellen bald rauf aufs Land. Bis zum Deich leider sehr schlechte Straßen, kurze Kopfsteinpflaster-Stücke, unebene Wege. Dann kam ein ganzes Stück hinterm Deich, was sich richtig toll fuhr. Leider hat das auch mal ein Ende, auf den Landstraßen war der Wind heftig, Böen rüttelten am Lenker, kein schönes Fahren. Nach 3:08 hatte ich die erste Runde geschafft und schon ging es auf Runde 2. Die ging leider nicht mehr ganz so fix, das gegen den Wind treten kostete Kraft und Energie. Den Gedanken an den anschließenden Marathon hab ich versucht zu verdrängen, ebenso die Sorge um einen Plattfuß oder sonstige Raddefekte. Fast 20 min länger hab ich für Runde 2 gebraucht. 

Nach 6:29 h war aber auch das Radfahren geschafft. Nun "bloß" noch laufen. Auch hier erfolgreiche Verdrängungsmechanismen - nicht an Marathondistanz denken, sondern in Runden. 4 waren es. Tolles Publikum, über den Jungfernstieg, zur Außenalster, auch da überall Menschen die anfeuerten, Stimmung machten, Wendepunkt 1, zurück und auf der Lombardsbrücke wieder ein Wendepunkt. Hier standen meine Kinder und da sie die Tracking-App anhatten, konnte ich endlich fragen, wie denn meine Gesamtzeit inzwischen ist, um im Zeitlimit zu bleiben. War alles im "grünen Bereich". Ich hatte genug Zeit. Erleichtert und mit dem sicheren Gefühl, jetzt pack ich das, ging es zum Gänsemarkt - hier gab es die Gummibändchen fürs Rundenzählen und dann Richtung Ziel. Allerdings hieß es 3 x vorher abbiegen auf die nächsten Runden, während bereits viele Athleten ins Ziel laufen konnten. Die Kraft, alles durchzulaufen, hatte ich nicht (mehr), es wurde ein Run/Walk. Aber da war ich nicht die Einzige. Aber endlich war ich auf der letzen Runde, näherte mich dem Ziel, noch ein Gummibändchen holen und dann bekam ich mein Dauergrinsen nicht mehr aus dem Gesicht. 

Der Zieleinlauf - endlich. Der Sprecher sagte meinen Namen und nun hörte ich auch für mich: Roswitha, you are an Ironman. Nach 13:40:11 lief ich durchs Ziel. Überwältigt, glücklich. Ich bin ein Ironman oder Ironwoman oder Irongirl. Wie es beliebt. Tolle Medaille, tolles Finisher-Shirt. Nur eins trübte im Nachhinein die Freude: So oft während der vielen Trainingseinheiten hab ich mir vorgestellt, wie es ist, im Zieleinlauf die Glocke läuten zu können, die gedacht ist für alle, die ihren ersten Ironman schaffen. Und dann hab ich es doch glatt vergessen. Nicht mehr zu ändern.

Platz 5 meiner AK (von 10) ist es geworden. Ich bin sehr zufrieden. Und noch immer geflasht vom Erlebnis, dem Tag, den Menschen dort an der Strecke. Mach ich es nochmal? Ich weiß es nicht. Vielleicht, vielleicht auch nicht.

 

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Veröffentlichung

So, 02. Juni 2024

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